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Das letzte Kapitel – Erich Kästners düstere Vision

Erich Kästner war dafür bekannt, Dinge genau auf den Punkt zu  bringen. Außerdem halte ich ihn für einen großen Visionär. Es ist zwar nicht der 12. Juli des Jahres 2003, sondern 2010, was mich allerdings nicht daran hindert, das Gedicht zu bringen. Das ganz gut dazu passende Photo habe ich vor zwei Jahren in Sao Paulo aufgenommen und jetzt noch ein wenig “gefährlicher” gemacht.

passendes Photo zum Gedicht in Sao Paulo gemacht

Das letzte Kapitel

Am 12. Juli des Jahres 2003
lief folgender Funkspruch rund um die Erde:
dass ein Bombengeschwader der Luftpolizei
die gesamte Menschheit ausrotten werde.

Die Weltregierung, so wurde erklaert, stelle fest,
dass der Plan, endgueltig Frieden zu stiften,
sich gar nicht anders verwirklichen laesst,
als alle Beteiligten zu vergiften.

Zu fliehen, wurde erklaert, habe keinen Zweck.
Nicht eine Seele duerfe am Leben bleiben.
Das neue Giftgas krieche in jedes Versteck.
Man habe nicht einmal noetig, sich selbst zu entleiben.

Am 13. Juli flogen von Boston eintausend
mit Gas und Bazillen beladene Flugzeuge fort
und vollbrachten, rund um den Globus sausend,
den von der Weltregierung befohlenen Mord.

Die Menschen krochen winselnd unter die Betten.
Sie stuerzten in ihre Keller und in den Wald.
Das Gift hing gelb wie Wolken ueber den Staedten.
Millionen Leichen lagen auf dem Asphalt.

Jeder dachte, er koenne dem Tod entgehen.
Keiner entging dem Tod, und die Welt wurde leer.
Das Gift war ueberall. Es schlich wie auf Zehen.
Es lief die Wuesten entlang. Und es schwamm uebers Meer.

(Erich Kästner)

Befreiung

Befreiung, Andreas Reimann

Wer nichts will, muß es wollen. Und mitunter
gleich muscheln öffnen dann die sinne sich.
Ein wunder ist es zwischen all dem plunder!

Und wie ein kind erkennt als wesentlich
den kleinsten käfer, das geringste blatt,
wird ihm bewußt: wie soll mit neuem maß
er messen das, was er vergessen hat?
Und wie, das immer wiederkehrt, das gras?

Wer wie der zeiger einer sonnenuhr
das licht ausstehet, statt von schein zu schein
ihm nachzujagen wie dem traum vom gold,
den spinnt es ein mit seiner honigspur,
dem bernstein-bunt. Er wird gefesselt sein.

Und frei, so frei, wie er es einst gewollt.

(Andreas Reimann, 2005)

Sonntagnachmittagserklaerung

Wenn ich dann doch einmal – ich kann’s mir
ja eigentlich so recht nicht vorstell’n – wenn ich
dann doch einmal gestorben bin,

dann leg ich mich als dichtes warmes Vlies
(im Sommer wahlweise als Seidentuch)
ganz fest um dich herum. Damit wir
fuer immer beieinander sind.

Ich sag das lieber heute schon, man weiss
ja nie. Jedoch in Wirklichkeit kann ich mir gar
nicht ausmal’n, dass du irgendwann ganz ohne mich
am Fenster sitzt, den Blaettern zusiehst, wie sie
von den Kastanienbaeumen fallen … Drum

sag ich jetzt bloss: Der Kuchen, den du da gebacken,
der schmeckt wie sonst. Allein fuer dieses kleine Laecheln,
wenn du erst mir, dann dir Kaffee einschenken willst:
fuer dieses kleine Laecheln waere ich noch immer
bereit, mein Leben hinzugeben. Oder
vielleicht auch erst mal meine Tasse.

(Matthias Politycki)

Trotz fehlender Sonne ein strahlendes Ereignis

Gestern gab es auf der Lindauer Hütte im Montafon etwas zu feiern: Die Einweihung der umgebauten und erweiterten Hütte:

So schön war es gestern leider nicht – wir sind mit der Golmer Bahn hochgefahren und über den Höhenweg zur Hütte aufgestiegen, besser herübergestiegen. Zum Glück regnete es nicht, sonst wäre die ganze Angelegenheit etwas unangenehm geworden. Aber es war schon ein wenig trist. So sah es oft währender Wanderung aus:

Aber trotz der fehlenden Sonne und dem Gehen in Wolken, was auch etwas Geheimnisvolles hat, sah man schon die Blütenpracht am Weg: Selbst die Alpenrosen haben schon begonnen zu blühen:

Aber auch andere Blumen waren zu sehen:

Und da es aufgrund der vielen Wolken schön feucht war, blieb der Tau den ganzen Tag in den Blumen- und Blätterkelchen mit sehr schönem Glitzern

Angekommen auf der Lindauer Hütte, sah es etwas trüb aus, was allerdings die Feierlaune nicht mindern konnte.

Der Pfarrer von Tschagguns segnete die Hütte und erzählte, wie er sie schon in seiner Kindheit kennengelernt hatte. Er fand sehr gute Worte zum Anlass, sprach von der Verantwortung der Menschen gegenüber der Schöpfung und der Dankbarkeit für die schöne Bergwelt, die wir genießen dürfen …

Anschließend ging es zum Feiern mit typischen Montafoner Spezialitäten über – aber besonders bewegend war das Alphornbläser Trio, das einige Weisen spielte, die auf knapp 1800 m besonders Ohr und Herz berührten.

Ein wunderschöner Tag voller Harmonie – und wie gesagt, trotz verhangenem Wetter ein strahlendes Ereignis für die DAV Sektion Lindau darstellte.

regrese de mis viajes, navegue construyendo alegria (Pablo Neruda)

Fernweh empfinde ich, wenn ich an meine Reise nach Chile zurückdenke.

Ich war in Santiago und Umgebung, was sich klimatisch nicht allzu sehr von hiesigen Breiten unterscheidet. Aber in verschiedenster Hinsicht ist es so ganz anders als alles, was wir in Europa kennen: Spezielles Klima, Tierwelt, Feeling insgesamt, wichtige Menschen, die von hier gekommen sind …

Flug über die Anden

Das soll mein Thema sein zu diesem 7. Kreativtag von seelenruhig. Ich bin mir dessen bewußt, dass mir Gott und die Welt vorwerfen könnten, ich würde mich nicht akkurat an das vorgegebene Thema halten. Aber ich sehe das anders: Fernweh mit einer wirklich fernen Destination in Zusammenhang zu bringen, aber nicht nur mit der Destination, sondern auch mit einem Poeten und Staatsmann von dort, der mich nachhaltig beeindruckt hat, scheint mir hier angebracht.

Das Haus und das Meer

Isla Negra ist ein wichtiger Ort für ihn. Er hat dort, als er noch gar nicht bekannt war, ein Stück Land am Meer erworben und darauf ein winziges Häuschen gebaut. Das Grundstück war schon damals relativ groß. Seine Intention war, immer, wenn er wieder etwas Geld hatte, ein Stück Haus dazuzubauen, was er auch tat. Künstler-Freunde von ihm verschönten ihm sein Haus gegen Verse – ein Deal, den man öfter wiederaufleben lassen sollte. Jedenfalls gewann das Haus dadurch enorm.
Details vom Haus

Warum erstaunt uns Pablo Neruda so sehr?
Er ist Politiker und schreibt die schönsten Liebesgedichte, die man sich vorstellen kann.
Es ist die Diskrepanz zwischen diesen so unvereinbar scheinenden Bereichen, die einen aufhorchen läßt. Sollte es diesen Spagat wirklich geben? Um es gleich zu beantworten: Ja, es gibt ihn. Nicht sehr oft. Aber solche Beispiele machen uns Mut, nicht alles allzu negativ zu sehen.
Wenn du mich vergißt

Ich möcht, daß du
eines weißt.
Du weißt ja, wie das ist:
Betrachte ich
den kristallenen Mond, den roten Zweig
des säumigen Herbstes an meinem Fenster,
berühre ich
beim Feuer
die ungreifbare Asche
oder die runzligen Körper des Holzes,
bringt mich das alles zu dir,
als wäre alles, was da ist,
Düfte, Licht, Metalle,
nichts andres als ein Schwarm kleiner Schiffe,
hinsegelnd zu deinen Inseln, die mich erwarten.
Nun aber,
wenn du allmählich aufhörst, mich zu lieben,
werde ich aufhören, dich zu lieben, allmählich.
Wenn du auf einmal
mich vergißt,
suche nicht nach mir,
denn ich werde dich schon vergessen haben.
Scheint er dir lang und irre lodernd,
der Fahnenwind,
der mein Leben durchweht,
und entscheidest du dich,
mich auszusetzen am Rand
des Herzens, in dem ich verwurzelt bin,
so bedenke,
daß am selben Tag,
zur selben Stunde,
ich die Arme erhebe
und meine Wurzeln sich aufmachen,
einen anderen Boden zu suchen.
Doch wenn du
jeden Tag,
jede Stunde
empfindest, daß du für mich bestimmt bist,
mit unverrückbarer Süße,
wenn jeden Tag
eine Blüte aufsprießt zu deinen Lippen, um mich zu suchen,
ach, meine Liebe, ach, Meine,
so wiederholt sich in mir all dies Feuer,
und nichts erlischt in mir, nichts wird vergessen,
meine Liebe nährt sich von deiner Liebe, Geliebte,
und solange du lebst, wird sie in deinen Armen sein,
ohne die meinen zu verlassen.

Aus: Los versos del capitán (Die Verse des Kapitäns)
Das Meer, über das er von seinem Haus aus immer blickte …
… und selbst noch von seinem Grab blicken könnte

… wer kommt, der mir den mai beginnen hilft?


Gerührt vom sang der leis sich schlang
Dir ward er leicht der ufergang.
Ich sah der höhen dichten rauch
Verjährtes laub und distelstrauch.

Dein auge schweift schon träumerisch
Auf eine erde gabenfrisch
Denn dein gedanke flattert fort
Voraus zu einem sichern hort.

Ich frage noch: wer kommt wenn sanft
Die gelbe primel nickt am ranft
Und sich das wasser grün umschilft
Der mir den mai beginnen hilft?

Stefan George 1897

Spruch östlicher Weisheit

Spruch östlicher Weisheit
Spruch östlicher Weisheit aus dem Buch “Shanghai Dinner” von Nury Vittachi

ziemlich wilde Liebe …

Weil ich dich liebe

.

.

.

Weil ich dich liebe, bin ich des Nachts
So wild und flüsternd zu dir gekommen,
Und daß du mich nimmer vergessen kannst,
Hab ich deine Seele mit mir genommen.

Sie ist nun bei mir und gehört mir ganz
Im Guten und auch im Bösen;
Von meiner wilden brennenden Liebe
Kann dich kein Engel erlösen.

(Hermann Hesse)

Dieses Gedicht hat mich beeindruckt – und deswegen habe ich auch ein wildes Foto dazu ausgewählt.

Gestern

Dieses Gedicht von Gabriele Wohmann hat mich sehr berührt, weil es zwar sehr traurig ist,  aber dennoch, wie ich finde, in der letzten Zeile einen versöhnlichen und positiven Ausgang nimmt. Das ist für mich hohe Dichtkunst.

Stimmung auf der Isle of Skye

Gestern

Gestern
Kam keiner
Keiner rief
Mich hat keiner erwartet
An einer Böschung saß ich mit keinem
Fuhr weiter zu keinem
Keinem zulieb
Am Meer auch keiner
Kein Wort gesagt
Hat jemand.

Am Strand mit Blick auf die Isle of Skye

Das ästhetische Wiesel

Das ästhetische Wiesel saß auf einem Kiesel

Das ästhetische Wiesel

Ein Wiesel
saß auf einem Kiesel
inmitten Bachgeriesel.

Wißt ihr weshalb?
Das Mondkalb
verriet es mir im stillen:

Das raffinierte Tier
tat’s um des Reimes willen.

(Morgenstern, Galgenlieder)