Rilke: Buch der Bilder „Der stets Aktuelle – Die Stimmen“


… immer wieder sehr überraschend. Rilkes Blick auf die Welt ist faszinierend. So grundsätzlich hat sie sich dann doch nicht geändert, wenn ich an seinen Schriften sehen kann, dass er auch schon vergleichbare Missstände ausgemacht hat, wie sie heute herrschen. Und seine These mag ich: man muss sich nicht um die Reichen kümmern, sondern ganz im Gegenteil, um die, die wenig vom Leben mitbekommen haben: Bettler, kleine Arbeiter …

Die Stimmen

Neun Blätter mit einem Titelblatt

Titelblatt

Die Reichen und Glücklichen haben gut schweigen,
niemand will wissen was sie sind.
Aber die Dürftigen müssen sich zeigen,
müssen sagen: ich bin blind
oder: ich bin im Begriff es zu werden
oder: es geht mir nicht gut auf Erden
oder: ich habe ein krankes Kind
oder: da bin ich zusammengefügt…

Und vielleicht, daß das gar nicht genügt.

Und weil alle sonst, wie an Dingen,
an ihnen vorbeigehn, müssen sie singen.

Und da hört man noch guten Gesang.

Freilich die Menschen sind seltsam; sie hören
lieber Kastraten in Knabenchören.

Aber Gott selber kommt und bleibt lang
wenn ihn diese Beschnittenen stören.


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